Donnerstag, Januar 25, 2007

Stell dir vor....

es gibt einen grossen Streik. Menschen blockieren die Firmeneinfahrt, es werden Banner gehisst, Kampflieder angestimmt, dazu kräftig in die Hände geklatscht. Polizisten mit schusssicherer Weste und demonstrativ grossen Knarren observieren das Geschehen. Die Rädelsführer der Arbeitnehmer verhandeln mit den Arbeitgebern, doch wer macht dabei den grössten Gewinn?
Die Eis-, Chips- und Essensverkäufer, die laut rufend ihre Waren feilbieten und dabei den Verdienst ihres Lebens machen.

Stell dir vor...

Menschen singen jeden Radiosong, der ihnen gefällt, lautstark mit, egal ob sie alleine im Auto oder mit wildfremden Leuten im Bus fahren.

Stell dir vor...

du sitzt im Bus, hast es etwas eilig und möchtest so schnell wie möglich nach Hause. Der Bus hält, du bist etwas verwundert, dass niemand einsteigt. Da bemerkst du, dass sich der Busfahrer gerade von seinem Sitz erhoben hat, den Bus verlässt und sich in aller Seelenruhe am Strassenrand sein Mittagessen zum Mitnehmen kauft.

Stell dir vor...

du kannst dir an der nächsten Strassenecke deine Arznei frisch zusammenbrauen lassen, und das mit dem Geschmack, den du gerne hättest.

Stell dir vor...

du bist in einer grossen Stadt. Du flanierst auf einer ihrer pulsierenden Hauptadern, einer breiten grossen Strasse mit bepflanztem Mittelstreifen. Auf der Strasse herrscht das Chaos, Busse mit Hupen, die wie R2-D2 klingen und jede Menge Autos versuchen sich einen Weg durch die Metallkarawane zu bahnen. Auf den Gehsteigen reihen sich Hot Dog Stände an Schuhputzsitze. Vielen Menschen gehen den selben Weg wie du. Du kommst an einem Park vorbei. Grosses weites Gelände, alles gut einsichtbar. Einer der Passanten vor dir schert aus, geht zielsicher auf einen der grossen Eukalyptusbäume zu. Er packt sein bestes Stück aus, begiesst grossmütiger Weise den holzigen Riesen und schert sich kein bisschen um die ca. 200 Augenpaare die ihn dabei beobachten.

Stell dir vor...

das Fahren in die falschen Richtung in einer Einbahnstrasse wird mit zwei Wochen Gefägnis bestraft.

Stell dir vor...

du fährst in einer Einbahnstrasse in die falsche Richtung. Ein Polizist erwischt dich und stellt dich zur Rede. Ihr fahrt zu dir nach Hause und bei einem gemütlichen Tee verhandelt ihr, wie viel du ihm bezahlen musst, damit er dich nicht ins Gefängnis steckt.

Stell dir vor...

Du kommst, erschöpft von einer 4 stündigen Reise, am Terminal Terestre an, hast einen grossen Reiserucksack auf deinen Schultern. Du steigst in den Oberleitungsbus. Es schlägt dir eine Wolke schlechtester Luft entgegen. Im Bus findest du noch einen klitzekleinen Platz, der noch nicht von den vielen dampfenden Leibern der anderen Mitfahrer besetzt ist. Die Scheiben sind beschlagen. Du hörst, wie eine Frau einen Kreislaufzusammenbruch bekommt, sehen kannst du jedoch nichts, zu viele Menschen. Es scheint als sei der Bus bis zum Bersten gefüllt, als sei selbst für ein kleines Kind kein Platz mehr frei.
Nächste Haltestelle. Vor der Tür stehen zehn bis fünfzehn Menschen, die gerne einsteigen würden (Wer kann es ihnen verdenken). Just als du denkst, dass es dir leid tue, dass sie nun wohl auf den nächsten Bus warten müssen, schlägt dein Mitleid in schleichende Panik um, da du bemerkst, dass sich auch diese zehn bis fünfzehn Waghalsigen copperfieldesker Weise noch in den Bus geschoben haben, die Luft zum atmen noch knapper und der lungenzuschnürende Druck auf deiner Brust noch stärker geworden ist. Du fragst dich wie du mit deinem riesigen Rucksack je wieder dieser Hölle entrinnen kannst, als der Bus wieder hält und weitere Menschen an der Haltestelle warten, bereit einzusteigen, koste es, was es wolle...

Stell dir vor...

alle Männer in einer Disko können tatsächlich tanzen.

Stell dir vor...

eine Frau erzählt dir dass sie putzen, bügeln und kochen mag.

Stell dir vor...

du bist auf der Reise, hast eine lange Busfahrt vor die. Neben dir eine ältere Frau. Du packst dein neu gekauftes Krimibuch aus, möchtest erwartungsfreudig die ersten Seiten lesen, als die Frau beginnt ein Gespräch mit dir zu führen. Nachdem sie erfahren hat, dass du aus Deutschland kommst, ruft sie ihrer Nichte an, gibt ihr deine Telefonnummer (die du ihr vorher völlig überrumpelt geoffenbart hast) und arrangiert ein erstes Gespräch. “Damit meine Nichte einen kleinen amigito (freund) hat..”

Stell dir vor...

du bist auf der Heimreise, hast eine lange Busfahrt vor dir. Neben dir eine ältere Frau. Du bist müde, möchtest gerne Schlafen und hast schon fast die Augen geschlossen, als die Frau beginnt ein Gespräch mit dir zu führen. Nachdem sie erfahren hat, dass du aus Deutschland kommst, betont sie wie sehr sie die deutsche Disziplin schätze und dass sie ihre Tochter in diesem Sinne erzogen hätte. Ob du ihr nicht deine eMail-Adresse geben könntest und ob ihre Tochter dir nicht mal schreiben dürfte, fragt sie und du fragst dich woher dieses Deja-vu-Gefühl kommt.

Stell dir vor...

jeder wirft seinen Müll dorthin wo er gerade möchte.

Stell dir vor...

überall wo du vorbeikommst, in Bussen, an Häuserfassaden und auf Autoaufklebern begegnen dir Sätze wie “Jesus, meine Hoffnung”, “Gott segne diese Reise”, “Jesus ist Herr” und “Jesus – Superman”.


Stell dir vor...

du bekommst ein dreigängiges Mittagsmenü mit frischgepresstem Saft für einen Euro.

Stell dir vor...

du lebst für zwei Tage auf einem Bauernhof. Du schaust dir alles an, siehst, wie die Arbeiterinnen und Arbeiter dort leben, siehst, dass sie nachts um drei Uhr die Kühe von der Weide holen müssen, sie an die Melkmaschinen anschliessen und ihre frischflüssigen Exkremente vom Boden putzen. Du erlebst, wie sie ihren Chef respektvoll mit “Mi Patron” anreden und jede seiner Anweisungen gleich und ohne Widerreden ausführen. Du begleitest sie, nach einem zwölf Stundentag, auf ihrem Nachhauseweg, siehst, dass sie in Betonquadern wohnen, die andernorts höchstens als Garagen benutzt werden.
Am Ende bist du ganz verwundert.... die Menschen scheinen glücklich zu sein.

Stell dir vor...

du bist in Ecuador.


Hier haben mich jetzt schon viele Leute gefragt, wie es mir denn ginge, jetzt, da meine Heimreise nach Deutschland so kurz bevor steht. Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, vor allen Dingen, da meine Gefühle bezüglich Ecuador nicht so einfach zu beschreben sind. Vielleicht sollte ich ein kleines Gleichniss erählen? Ja, das erklärts wahrscheinlich am besten.

Stell dir vor (Jetzt fängt der schon wieder damit an)

du lernst ein Mädchen kennen. Sie ist nicht die Hübscheste, findest du. Auf den ersten Blick kommt sie dir sogar ziemlich fremd vor, so gar nicht wie die Mädchen, die du bisher gekannt hast. Durch eine Fügung des Schicksal hast du aber ne ganze Menge mit ihr zu tun. Du kannst ihr sozusagen gar nicht aus dem Weg gehen. Euer Umgang miteinander ist am Anfang von höflicher, respektvoller Zurückhaltung geprägt. Man weiss ja nicht, wie sich die Dinge noch entwickeln und irgendwie ist es auch ein bischen spannend und aufregend, das Fremde besser kennen zu lernen. Einige Dinge an ihr gefallen dir auch wirklich, aber mit der Zeit fängst du an verschiedene Macken an ihr zu bemerken, die dir irgendwann richtig auf den Senkel gehen. Eines Tages verhält sich das Mädchen dir gegenüber ziemlich mies. Das bringt das Fass so ein klein wenig zum Überlaufen. Du bist an einem Punkt angekommen, an dem du am liebsten gar nichts mehr mit dem Mädchen zu tun haben möchtest. Aber leider kannst du von ihr nicht weg: Schicksal (oder sollte es tatsächlich einen Gott geben, der das alles geplant hat?!?) Also versuchst du dich so gut es geht mit ihr zu arrangieren. Und tatsächlich, nach einer Weile kommst du ganz gut mit ihr zurecht. Es geschieht sogar ein kleines Wunder: Das Mädchen wird dir vertraut. Und noch mehr: Aus der Vertrautheit entsteht Zuneigung. Du entdeckst: Die Frau hat Persönlichkeit. Nicht alles an dieser Persönlichkeit mag schön sein, aber du findest, sie ist etwas Besonderes, Einzigartiges. Auf einmal entdeckst du auch noch ganz andere Seiten an ihr, Seiten, die dir vorher so gar nicht aufgefallen sind und die du einfach nur bezaubernd findest. Selbst die Macken, die dir vorher auf den Kecks gegangen sind, kommen dir plötzlich gar nicht mehr so schlimm vor, du findest sie jetzt sogar sympathisch. Ja mein Freund, man kann es nicht anders sagen, du hast dich verliebt.
Doch gerade als dir das so richtig bewusst wird und du dich über diese Entwicklung freust, kommt dir das Schicksal nochmal in die Quere (oder wieder dieser Gott). Ihr könnt euch nicht mehr sehn. Du musst von ihr fort gehn. Wie, mein Freund, wirst du dich wohl fühlen?
Vielleicht ein klein wenig so wie ich, wenn ich Ecuador auf Wiedersehen sagen muss.

Okay, nur damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich freu mich riesig, wieder nach Hause zu kommen und meine Familie und alle meine Freunde wieder in die Arme zu schliessen. Das wird super und ich kanns gar nicht erwarten.
Aber Wehmut ist eben auch dabei.

Bis in Deutschland

Andi