Klassenfahrten, Ausflüge, wie hab ich sie früher geliebt. Es gibt doch eigentlich wenig schöneres, als mit einer Gruppe gleichaltriger ein paar lustige Tage in einem schmuddeligen, mit Stockbetten bestückten Landschulheim irgendwo im Oberallgäu bei trübem Nieselwetter und kaltem Früchtetee zu verbringen. Da entstehen Freundschaft fürs Leben und Magen-Darm-Infekte, man lernt sich, die Mitschüler und die Lehrer noch mal ganz neu kennen und wenn man Glück hat, darf man am Ende sogar die Toiletten putzen (man denke dabei an den Magen-Darm-Infekt :-( )
Was ich mich dabei aber nie gefragt hab ist, wie so eine Klassenfahrt eigentlich für die Lehrer ist, die das Glück (oder Pech ?!?) haben die wilde Schülerhorde während ihrer Vergnügungsreise im Zaum halten zu müssen. Dieses Wochenende bekam ich die Antwort auf die Frage, die ich mir nie gestellt hatte; und das sogar in doppelter Weise.
Gleich zwei Klassen durfte ich auf ihrem Trip in die schuleigene Herberge nahe Otavalo begleiten. Liz verweilte mit ihrer zehnten Klasse (lauter Ecuadorianer) von Freitag morgen bis Samstag Mittag dort, Jens und seine Bande Zehntklässler (Deutsche und Ecuadorianer mit guten Deutschkenntnissen) von Samstag Mittag bis Montag Mittag. Da mich beide gefragt hatten, ob ich gerne mitgehen würde und es zeitlich so gut passte, bin ich auf beiden Klassenfahrten dabei gewesen. Welch interessante Erfahrung!
Szenischer Abriss:
Es gab die typischen Landschulheimausflüge, wie der Besuch eines Vogelparks und einer Bootsfahrt auf dem von Bergen umgebenen Lago San Pablo; es gab prächtig brutzelnde Parillada (=Barbecue) mit fetttriefendem Fleisch und kohligknusprigen Würstchen; es gab knisterndes Feuer im Kamin und unterm Sternenhimmel (der hier so ganz anders aussieht als zuhause), mit klebrig süßen, angebrannten Marschmelos und verrauchten Kleidern; es gab morgens Sonne und nachmittags Sintflut und eine Minigolfpartie, die in letzterer versank; es gab schmuddelige Duschen mit untertemperiertem Wasser, und einen kleinen Hund auf den jeder mal draufgetreten ist; es gab das obligatorische klassenmassenfussballspiel zwanzig gegen zwanzig, mit ehrgeizigen Jungs und gnadenlos kloppenden Mädels und „the roof is on fire“ in der Repeatschleife; Und dann waren da noch die nettesten Lehrer die sich eine Klasse nur wünschen kann :-)
Meine Erfahrungen mit den Schülern:
Junger Praktikant auf einer Klassenfahrt zu sein, erweist sich erst mal als ganz angenehm. Von den Teenies wird man mit offenen Armen aufgenommen, fast wie einer der ihren. Sie haben mir auf die Schulter geklopft, ich hab ihnen auf die Schulter geklopft. Sie nannten mich „Levis“, weil´s auf meinem Pullover stand, ich nannte sie Josef Petrus, in Abwandlung des spanischen José Pedro. Wir saßen zusammen am Lagerfeuer und haben im selben Gemeinschaftsschlafsaal im Schlafsack gelegen (den haben wir aber übrigens nicht geteilt :-/ ). Wir haben zusammen Kartengespielt und abgewaschen und uns beim Fußballspielen angefeuert. Das hat alles wirklich Spaß gemacht und war ne schöne Erfahrung.
Das ganze fängt aber an schwierig zu werden, wenn man irgendwann nachts um halb zwei vor die ganze Meute hinstehen und den Spaßverderber spielen muss, indem man ihnen klar macht, dass sie Rücksicht auf die anderen nehmen und leiser sein müssen. Und wenn man in seinem Auftritt dabei nicht Stärke ausstrahlt und den Eindruck vermittelt, dass man in diesem Punkt überhaupt nicht mit sich reden lässt, wenn man in seiner Lehrerrolle die kleinste Lücke lässt, dann nutzen sie diese. Alle Autorität ist dann dahin und die eben ausgesprochenen Ermahnungen verhallen wie ein Pups im Weltraum – ungehört. Aber von solchen Momenten kann man viel lernen und viel fürs spätere Lehrersein mit nehmen, auf wenn es dieselbigen auf dieser Klassenfahrt nicht so oft gab. Meistens hatte wir Lehrer keine Probleme mit den Schüler und vor allem mit der zweiten Klasse, war es wirklich eine angenehmen Sache.
Da ich auf zwei Klassenfahrten mit zwei unterschiedlichen Lehrern mit bin, konnte ich auch gut die unterschiedlichen Stile der zwei Lehrer beobachten; und es gab einige Unterschiede, die, so möchte ich meinen, nicht zu letzt auch an der unterschiedlichen Mentalität der deutschen, bzw. ecuadorianischen Lehrer lag.
Liz wählte eher den strengen Weg und gab genau vor, wann die Schüler ins Bett mussten. Bei der Durchsetzung ihrer Regeln war sie aber nicht so konsequent, bzw. bei allen Ermahnungen war unterschwellig immer noch ein kleines, „ach, könnt ihr nicht bitte...“ dabei; das die Schüler natürlich gerne überhörten.
Andererseits war es für Liz und die ecuadorianische Mutter, die auch noch als Begleitperson dabei war, selbstverständlich nach dem Essen das Geschirr alleine abzuspülen, während sich die Schüler im Aufenthaltsraum vergnügten.
Oder es wurde beispielsweise am letzten Tag den Jungs aufgetragen ihr Zimmer auszufegen. Als wir das dann kontrollierten und das Zimmer noch ziemlich ungefegt antrafen, was macht da nicht die gutmütige Mutter: Sie nimmt den Besen fest in beide Hände, fängt an zu fegen und meint zu mir: „Ach die Jungs können halt nicht so gut fegen..“
Ich glaube, dass dies Haltung eine ecuadorianische Eigenart ist. Die Kinder hier werden viel mehr umsorgt und „behütet“ als in Deutschland und man lässt sie erst viel später eigenständig und selbstverantwortliche Aufgaben übernehmen. Das kann man morgens schon im Schulbus beobachten. Viele Eltern tragen den Schulranzen ihrer Kinder bis an den Schulbus und hieven ihn dann noch hinein, damit das Kind ja nicht zu viel tragen muss. Nachmittags läuft die ganze Prozedur dann umgekehrt ab. Der Schulranzen wird aus dem Bus in Empfang, das Kind in die andere Hand genommen und so wird gemeinsam und wohlbehütet der Heimweg angetreten.
Jens hingegen war in den zwei Punkten ganz anders. Er hat den Schüler keinerlei Vorschriften gemacht, wann sie ins Bett mussten. Er hat ihnen nur die Vorgabe gegeben, dass sie auf die anderen, die vielleicht früher schlafen möchten, Rücksicht nehmen müssen. Damit hat er sich ne Menge an Nerven- und Stimmkraft gespart und ich muss sagen, dass das auch ganz gut funktionierte (mit kleineren Ermahnungen).
Beim Abwaschen war von Anfang an klar, dass die Gruppe die kocht, danach auch abwäscht. Und natürlich mussten die Teenies auch ihre Zimmer selbstständig fegen und aufräumen. Da das von Anfang an fest stand und jeder das wusste, gab es dann darüber auch nie Diskussionen und keiner hat gemotzt.
Auf der Fahrt hab ich von den Schülern auch ein neues Kartenspiel gelernt. Es nennt sich Trefflicherweise: „siete pega todo“, was frei übersetzt: „die sieben schlägt alle“ bedeutet. Bei dem Spiel geht es hauptsächlich darum einem Mitspieler so stark wie möglich auf die Hand zu schlagen. Jeder Spieler bekommt reihum eine Karten vor sich hingelegt, die festlegt ob er seinen rechten oder linken Nachbarn oder bei einer sieben eben alle anderen Mitspieler schlagen darf. Bemerkenswert war dabei zu beobachten, mit wie wenig Skrupel Schüler ihre Lehrer hauen. Bisweilen, wenn ein Schüler alle andern Mitspieler auf die Hände kloppen durfte, meinte man sogar erkennen zu können, das bei mir und Jens stärker als bei allen anderen zugeschlagen wurde. Ob das nur ein Phänomen ist, was auf Mathelehrer zutrifft, kann ich nicht sagen, aber ein bisschen beängstigend ist es schon...
Mit Jens hab ich mich prima verstanden. Wir haben zusammen gegen die Teenies „Quarenta“, das ecuadorianische Nationalkartenspiel gespielt und sie gnadenlos im Minigolf abgezockt. Es war auch mal eine gute Gelegenheit meinen Mentor etwas abseits der Schule kennen zu lernen und am Lagerfeuer über andere Dinge als Zahlen und Experimente zu reden. Das hat auch unsere Zusammenarbeit in der Schule, angenehmer und persönlicher gemacht und ist mit ein Grund, warum ich mich immer wohler hier in der Schule fühle.
Klassenfahrten sind also auch für Lehrer (und Möchtegernlehrer) ne gute Sache !
Noch etwas Aktuelles:
Gestern waren hier in Ecuador die Stichwahlen für den Präsidenten. Alvaro Noboa, der reiche Chiquita Millionär hat allem Anschein nach gegen Raphael Correa, einem linksgerichteten Bush-Feind und Hugo Chavez-Freund verloren. Liz und Fabian waren ganz aus dem Häusschen vor Glück.
Correas ist hauptsächlich gegen alles. Er ist gegen den Eintritt Ecuadors in das Handelsabkommen mit den USA (TLC genannt). Er will gegen die Korruption hier im Lande ankämpfen (die hier so ganz nebenbei erwähnt eine der höchsten Raten in ganz Südamerika hat) und er will den ecuadorianischen Nationalkongress aufheben und mit einer neueinberufenen Versammlung die Verfassung ändern um die ausufernde Parteienlandschaft in Ecuador zu reformieren.. Mal schauen, wie er das hinbekommt.
Fabian meinte, wenn er bis nächsten Sommer keine Erfolge vorweisen kann, dann wird ihn dass Volk eben wieder aus dem Amtssessel werfen. Das drückt wohl ganz gut die ecuadorianische Einstellung bezüglich ihrer Präsidenten aus. Nicht ohne Grund wurden in den letzten zehn Jahren sieben Präsidenten verschlissen.
So weit aus dem kleinen Andenstaat
Ich wünsch euch ne schöne Woche und einen guten ersten Advent. (Bei Temperaturen bis zu 22 Grad ist bei mir hier in Quito leider noch nicht so viel Weihnachtsstimmung aufgekommen)
Levis
Dienstag, November 28, 2006
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

1 Kommentar:
Hey, so wie's klingt gehts dir prima - brauch ich also garnicht zu fragen. Immer wenn ich deine Blogs lese, merke ich (abgesehen davon, dass mein Vokabular ungefähr halb so groß ist wie deins ;) ) wie sehr ich Ecuador vermisse - jeden Tag was neues zu entdecken, jeden Tag was neues über die Kultur festzustellen und hinter jeder Ecke ne neue Eigenart kennenzulernen. Vor allem weil hier wunderbarster Wintersemesterstress herrscht mit jeder Menge Referaten, Hausaufgaben (ja, ich studiere einen wunderschönen Studiengang, in dem man seine Hausaufgaben machen und zum Teil auch noch abgeben muss), Präsentationen, Klausuren und vor allem latenetem Tageslichtmangel, der sich nur zum Teil mit meinen neuen Suchtmitteln (Kinderglühpunsch und Weihnachtsplätzchen) kompensieren lässt!!!
Ich wünsch dir noch nen schönen Nikolaustag und geh jetzt gleich den WM-Film kucken.
Ulrike
Kommentar veröffentlichen