Donnerstag, August 31, 2006

Geschichten aus dem Indianerdorf oder Komm auf die Spassseite der Erde

Schwupps schon wieder mehr als einen Woche vorbei.

Als erstes möchte ich mich für die vielen Comments bedanken. Es freut mich wirklich sehr so viele positive Zuschriften zu bekommen und zu erfahren, dass es wirklich Leute gibt, die sich für das, was ich schreib interessieren. Muchas Gracias

Letzten Mittwoch war ich am Mitad del Mundo. Für alle nicht Spanischsprechenden: Das ist der Mittelpunkt der Welt. Ganz so gewichtig, wie der Name klingt, ist die Sache zwar nicht, es gibt schliesslich noch ca. 40 000 andere Kilometer auf der Erde, die sich so nennen dürfen, aber es war doch ganz schön interessant. Das hatte zwei Gründe und beide befanden sich in einem Museum mitten am Äquator. Dort ging es zum einen eben um den Äquator und zum anderen darum, wie die Ureinwohner, die Indigenas früher so gelebt und geliebt haben. Beides war sehr aufschlussreich.

Um meinem Blog mal etwas interaktiver zu machen: Jeder der mag, kann nun mal kurz auf die Toilette gehen, die Spülung betätigen und beobachten in welcher Richtung das Wasser abfliesst. Wenn ich mich nicht ire und ihr keinen Motor in eurer Toilette eingebaut habt, müsste das Wasser bei euch, da ihr euch auf der Nordhalbkugel befindet, gegen den Uhrzeigersinn ablaufen. So und jetzt dürft ihr mal raten, wie es hier auf der Südhalbkugel der Erde abläuft. Natürlich genau andersherum. Das war jetzt nicht so schwer zu erraten. Etwas schwerer ist es schon, verständlich zu erklären, warum das so ist, oder z.B was mit dem Wasser passiert, wenn man sich geanu am Äquator befindet. Letzteres könnt ihr (hoffentlich) bald auf meinem gmx-Account nachschauen, da wird es dann ein Video davon geben.
Wer ersteres so erklären kann, dass es auch nicht Physikstudenten verstehen können, den lade ich auf ein Eis ein, sobald ich wieder in Deutschland bin.

Neben dem Experiment mit dem Wasser konnte man natülich noch jede Menge anderen Schabernack mit dem Äquator treiben. Man konnte beispielsweise ein Ei auf einem Nagel balancieren oder das beliebte Spiel “Komm auf die Spasssseite der Erde” spielen. (Wer dern Film “Madagascar” gesehen hat, weiss wie spassig das ist J

Zu den Indigenas. Die lebten damals (wann immer das auch war) in Hütten, die sie aus trockenem Gras, Lehm, Holz und Palmen zusammenbastelten. Dort lebte, so wie es sich gehört, die ganze Familie unter einem Dach. Die Kinder durften sogar, bis sie zwei Jahren alt waren, alle! im Bett der Eltern schlafen. Und die Familien damals waren sehr kinderreich!
Das Secleben der Eltern wurde dadurch aber nicht gestört, denn die Indios glaubten daran, dass die Frau viel fruchtbarer ist, wenn sie die gute alte Mutter Erde berührt, während Mann und Frau sich vereinigen. Von daher hatten sie ihrem Spass unter freiem Himmel. Ist vielleicht ein gutter Tipp für ungewollt kinderlose Paare: Statt Genexperimenten und Samenzellen frosten einfach back to the roots und raus in Garten….

In ihren Hütten hielten sich die Indios Meerschweinchen aus zweierlei Gründen. Zum ersten sind Meerschweinchen extreme sensible, was Vulkanausbrüche angeht, zum zweiten hatten sie sie zum Fressen gern.

Meerschweinchen sind bis heute noch eine Delikatesse in Ecuador. Wenn man als süssehaustiereliebhabender Europäer mal frägt, wie man denn nur so ein putziges, süsses, kleines, kuscheliges Etwas essen könne, dann bekommt man meist die Antowort:

Es ist Fleisch, oder?

So eine pragmatische Antwort könnte auch von Hajo stammen.

Einen Brauch der Indigenas fand ich noch sehr nachahmenswert. Bevor es einem Mann erlaubt war zu heiraten, musste er folgende kleine Aufgabe erledigen:
Er musste aus einem einzigen, langen Baumstamm ein Boot schnitzen und das Boot musste mit samt seiner ganzen Familie (Vater, Mutter, Geschwister…) an Bord auf dem Wasser schwimmen. Schaffte er es nicht, wars au nix mit heiraten. Bei so einem Brauch würde sich Tim Taylor die Hände reiben und Jörn immer noch Junggeselle sein.

Zwei Strassenszenen, die ich im vorbeifahren erlebt habe.

Am Montag fuhren Liz, Fabian und meine Wenigkeit in den Süden Quitos zu einem Einkaufszentrum. Auf unserem Weg kamen wir an einem der vielen kleinen Tante Emma Läden vorbei. Ein Mann lag davor auf der Srasse und ein Polizist stand daneben, ansonsten liefen ganz normal die Leute am Laden vorbei. “Muss wohl ein Toter sein” meinte Liz ernst….

Gestern Morgen bin ich mit Liz und einer anderen Lehrerin aus der deutschen Schule zu eben dieser gefahren. Mitten an einer Kreuzung gab es wohl ein Auffahrunfall, denn es standen dort zwei Autos, von denen das eine die Front und das andere das Heck ziemlich verbeutlt hatte. Als wir ankamen, liefen die beiden Fahrer gerade mitten auf der riesigen Kreuzung, umringt vom alltäglichen Verkehrschaos hupender und wartender Autos aufeinander zu, stritten sich wild gestikulierend, der eine gab dem anderen eins auf die Fresse, woraufhin dieser blutete. Erst dann stiegen sie wieder in ihre Autos um an den Rand zu fahren…

Am Wochenende war ich mit Charly und seinen Freunden noch mal in Otavalo auf dem Markt. Was mich dieses Mal besonders nachdenklich gemacht hat, bzw. Was mich auch schon das ein oder andere Mal in Quito nachdenklich geamcht hat, sind all die alten, jungen, dicken dünnen, kleinen und noch kleineren Leute, die betteln oder bettelarm sind.
Generell gibt es zwei Arten von armen Bettlern. Die einen hätten gerne Geld und bieten dafür eine Gegenleistung, wie Schuheputzen oder irgendeine artistische Einlagen an einer Strassenkreuzung, wie z.B. mit dem Ball jonglieren, die Anderen woollen nur Geld.

Was mich in Otavalo nachdenklich gestimmt hat, war ein wirklich unglaublich kleiner, wirklich unglaublich alter, in schmutzige Fetzen gehüllter, barfüssiger, schrumpeliger Mann, der mich mit einem dieser unendlich traurigen Blicken um etwas Geld bat.
Mein bisheriges Verhalten, was Bettler anging , war eher inconsequent. Den Leuten, die etwas vorführten, hab ich moistens etwas gegeben, allen anderen, nur ganz selten, wobei es eher willkürliche Gemütsschwankungen waren, die den Ausschlag gaben, wem ich etwas gab und wem nicht. Ich hatte mir zumindest auch noch nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, wie ich damit umgehen will. An diesem Tag in Otavalo hab ich gemerkt, dass es an der Zeit ist, dass ich mir mal darüber im Klaren werde.

Ich habe den Mann zunächst, wie ich es schon so oft gemacht hab, mit einem lo siento (es tut mir leid) und einem Kopfschütteln abgewehrt. Normalerweise genügt das den leuten und sie trotten traurig weiter und man kann so tun als ob nichts gewesen sei. Dieser jedoch wolle wohl nicht so schnell aufgeben und hat mich mit seiner, für mich überraschend starken Hand, festgehalten, an mir gezerrt und mich immer weiter angeschaut. Und mit dieser Situation, war ich echt überfordert. Ich hab eigenlich immer nur no und lo siento gesagt und wollte ihn loswerden, aber es kostet doch einiges an Überwindung einen alten Mann mit Gewalt abzuwedeln. Naja nach einer kleinen Ewigkeit hat er dann losgelassen und ich bin woanders hingegangen.

Seit dem mach ich mir einige Gedanken dazu wie man mit Bettler umgehen sole, wem man etwas geben sollte, wem nicht, oder ob man überhaupt etwas geben sollte, um sie nicht noch betteln zu ermutigen. Auch in wieweit man sich vom Leid anderer Menschen anrühren lassen sollte oder ob man sich vielleicht selbst schützen muss indem man so etwas nicht an sich ran lässt.

Falls jemand von euch dazu ne Meinung hat, würd ich mich freuen, wenn er einen kleinen Comment schreibt oder mir einfach ne Mail schickt (andy_latte@web.de) .

Diese Woche ist die Vorbereitungswoche and der deutschen Schule und ich bin dabei. Dass heist am Montag war ich das erste Mal an meiner neuen Wirkungsstätte. Die

Deutsche Schule liegt in Cumbaya, dass ist ein Tal, östlich von Quito, welches etwas tiefer als Quito liegt und welches deshalb um einiges warmer und grüner ist. Es ist auf jeden Fall eine sehr beliebte Wohngegend.

Die SChul an sich ist wirklich nur schwer mit einer Schule in Deutschland vergleichbar. Zumindest äusserlich. Das Gelände ist sehr gross, die Wege breit, mit Sandsteinen gepflastert und mit Blumenbetten und Palmen gesäumt. Alles ist wirklich sehr bunt, es ist fast wie auf einer dieser Hotelanlagen in der Südsee. Dieser Eindruck wird dadurch noch verstärkt, dass es nicht nur ein Gebäude gibt, sonder sehr viele, die alle vergleichbar mit Bungalows auf dem Gelände verteilt sind.
Das Schulgelände beherbergt einen Kindergarten, die Primaria (1. – 6. Klasse), die Sekundaria (7.-12. Klasse) und eine Berufschule. Zusätzlich gibt es noch extra ein Verwaltungsgebäude mit Bibliothek, Lehrerzimmer und Computerräumen, eine Cafeteria, eine grosse Sporthalle, ein Schwimmbad und einen Fussbalplatz. Auf dem gesamten Gelände rennen Bedienstete rum, die den Garten pflegen oder irgendwelche Instandsetzungsarbeiten erledigen. Man fühlt sich also wirklich wie in einem All Inklusive Hotel.

Die Lehrer sind bunt gemischt, aber es gibt überraschen viele junge (gut aussehende) Lehrerinnen und Lehrer. Die Mehrzahl sind Ecuadorianer, es gibt aber auch viele Deutsche hier. Mein Mentor, Jens Mitad, ist 38 kommt aus Hamburg und ist wirklich sehr nett. Ich versteh mich , so weit man das bisher sagen kann, gut mit ihm.
Ich fühl mich also ganz wohl hier. Mal sehen, ob das so bleibt, wenn die Schüler kommen…

So weit is gut für heut. Schon wieder so lange geworden.
Nächstes Mal erzähl ich ein bisschen mehr von meinem Schulalltag.
Bis dahin

Allen Alles Angenehme Andy

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Salu Andy!

Mann echt, was ein super Blog! Das alles zu lesen ist so unterhalsam und persönlich, man hört förmlich deine Stimme im Hinterkopf als ob du es selbst live erzählen würdest. Und wie immer alles sehr detailliert beschrieben, für die Phantasietiger wie mich ist es so gut dass man sich in alles direkt reinverstezen kann.

Jetzt bin ich mal gespannt wie das Lehrerleben so abläuft und wie sehr sie dich dort in den Wahnsinn treiben werden. Halt die Ohren steif mein Junge. Und wenn du ein Boot schnitzen willst, ich leih dir gerne von meinem Werkzeug aus.

Bis demnächst!

Hajo

Anonym hat gesagt…

Hi Andi mit deinem Blog machst du dir aber viel Mühe.
Du beschreibst deine Abenteuer bis ins kleinste Detail.
Wirklich super weiter so!
Ich freue mich jedesmal wenn ich beim lesen an deinem neuen Leben teilnehmen kann.


Viele Grüsse aus Waldbronn

Jürgen und Marianne

Anonym hat gesagt…

da sag ich nur: Cumbaya my Lord, Cumbaya
Wenn ich erst ein Boot schnitzen müsste um die Pumella zu heiraten, würdest du mit deiner Heiratsprognose (Ali VOR Fry) sicherlich noch fälscher liegen als es jetzt schon den Anschein hat. Ich glaub ich steck sie einfach in den Tumbler... das müsste auch gehen.
moving successfully completed: jetzt bin ich wieder in meiner good old Kellerwohnung und warte nur noch bis du wieder hier bist um die nächste Mario Party Nacht zu veranstalten (Zitat Stafan L.: Alle zum Ali... der holt schon sein Drittes!)
Das mit dem Bettler ist ne sehr denkwürdige Sache. Ich werde mal in mich gehen und Conzuela Consult konsultieren und dir meine Erkenntnisse mitteilen. Jedenfalls stelle ich mir das echt hart vor... Man kommt sich auch irgendwie immer schlecht vor, wenn man anderen Menschen (egal ob Bettler oder nicht) seine Hilfe einfach verweigert.
So denn..... wir waren übrigens immer noch nicht im Kino.
Bis demnächst
Ali und Pumi

Anonym hat gesagt…

Servus Andy,

schön, dass es dir an deiner Schule so gut gefällt. Dein neuer Hut steht die fast so gut wie Günter Netzer im Vorbericht zum Deutschland-Ecuador-Spiel bei der WM.
Als Physikstudent muss ich natürlich die Herausforderung annehmen, und das ominöse Geheimnis der Drehrichtung eines Wasserstrudels versuchen zu erklären. Befindet man sich in Äquatornähe, so bewegt man sich mit relativ großer Geschwindigkeit um die Nord-Süd-Achse, da man innerhalb eines Tages einen weiten Weg zurücklegen muss. In der Gegend der Pole ist die Geschwindigkeit dagegen klein, da man ja in der gleichen Zeit fast keinen Weg zurücklegen muss. Bewegt sich nun z.B. ein Luftpaket auf der Nordhalbkugel von Süd nach Nord, so nimmt es im Süden die vergleichsweise große Geschwindigkeit auf, behält diese bei und zieht nach Norden. Dort dreht sich die Erde aber langsamer; das Luftpaket eilt der Erde voraus, es wird also scheinbar nach rechts abgelenkt (da sich die Erde rechtsherum um die Nord-Süd-Achse dreht). Bewegt sich das Luftpaket von Nord nach Süd, so eilt es der schnelleren Erde im Süden hinterher. Es wird also wieder nach rechts abgelenkt. Bewegt sich nun Luft aus allen Richtungen auf einen Punkt zu (dies ist bei einem Tiefdruckgebiet der Fall), so wird die Luftströmung stets nach rechts abgelenkt; um den Punkt bildet sich eine Strömung gegen den Uhrzeigersinn aus. Auf der Südhalbkugel ist alles genau andersherum. Dieses Phänomen ist bei Luftströmungen von großer Bedeutung (man kann es z.B. gut im Tagesthemen-Strömungsfilm oder bei Wirbelstürmen beobachten, dass sich die Luft um Tiefdruckgebiete auf der Nordhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn dreht), bei Wasserstrudeln spielt dieses Phänomen aber nur eine kleine Rolle und wird durch andere Dinge (unsymmetrischer Abfluss, etc.) stärker beeinflusst.
Ich geb zu, die Erklärung war jetzt ziemlich lang, aber vielleicht hat es ja mindestens einer verstanden. Wer mehr darüber wissen will, kann ja mal bei Wikipedia "Corioliskraft" eingeben.
Also Andy, dann wünsch ich dir mal noch eine schöne, erlebnisreiche Woche - stay as you are!

MfG
Martin